Wie mein Stadtradelfahrrad mich gefunden hat

Image Ecrit le 26.09.2020 de Renan Cengiz
Equipe: Die PARTEI Rheinberg
Commune: Rheinberg im Kreis Wesel

Ein Stadtradelblog soll auch einen philosophischen Mehrwert bieten. Darum, liebe Radler*innen, möchte ich Ihnen am Beispiel der verblüffenden Geschichte meines Stadtradelfahrrads gern erzählen, wieso es sich meiner Ansicht nach lohnt, nicht etwa hoffnungsvoll zu sein, sondern zuversichtlich.

Zweimal kein Lotto – Hoffnung vs. Zuversicht

Ich unterscheide aus pragmatischen Gründen zwischen Hoffnung und Zuversicht. Klar, es sind nur Worte. Aber ich sehe darin zwei Prinzipien, von denen mir eins das liebere ist. Plakativ gesagt:

A) Ich kann hoffen, dass mein Schicksal sich wendet. BEISPIEL – Wie man im Lotto gewinnt. Variante 1: Eine Bekannte meiner Oma ging jeden Samstag in den Lottoladen und fragte, ob sie denn gewonnen hätte. Irgendwann empfahl ihr der Lottoscheinverkäufer, doch erst einmal Lotto zu spielen. „Ach was“, sagte die ältere Dame, „wenn der liebe Gott will, gewinne ich auch so“. Die Frau konnte nur darauf hoffen, zu Geld zu kommen.

B) Ich kann zuversichtlich sein, dass ich mein Schicksal zu einem guten Teil selbst gestalten kann. BEISPIEL – Wie man im Lotto gewinnt. Variante 2: Mein Opa spielte jeden Samstag Lotto, gab aber den Schein nie ab, steckte das Geld für den Schein in eine Büchse und sparte sich so seinen ganz persönlichen Lottogewinn zusammen. Der liebe Gott musste nicht mehr nachhelfen – mein Opa war einfach ein Sparfuchs. Er konnte zuversichtlich sein, zu Geld zu kommen.

Zwischenfazit und kein Fahrrad

In Fall A) hoffe ich auf jemanden oder etwas außerhalb von mir – das kann ein Mensch sein, ein Arbeitsvertrag oder eine esoterische Entität.

In Fall B) vertraue ich auf etwas in mir – meine Stärken, meine Intuition, meine Gefühle, meine Fertigkeiten – meine Möglichkeiten, mein Leben zu gestalten.

Mir gefällt B) besser, weil ich lieber gestalte als zu warten, lieber erschaffe als zu konsumieren. Und so machte ich mir auch weder Sorgen noch Hoffnungen, als mir klar wurde, dass ich zwar Stadtradelstar werden würde, aber kein funktionierendes Fahrrad besaß.

Die verfluchten Pannen

Ich besitze zwei zusammengeschusterte Räder, die höchst wahrscheinlich verflucht sind. Seit dem Spätsommer 2019 nämlich ereilte beide eine Reihe von Pannen. Drei verschiedene Hobbyfahrradmechaniker konnten dem Spuk kein Ende setzen. Also dachte ich mir: Okay. Sparst du auf ein Neues. Dann kam Corona, und da ich mein Geld als selbstständiger Unternehmer im Text- und PR-Bereich verdien(t)e, war sparen nicht mehr drin.

Meine Mutter bot mir an, mir Geld für ein neues Fahrrad zu leihen. Ich lehnte dankend ab. Ich mag das Gefühl nicht, reflexartig und unter Druck handeln zu müssen, um vorauseilend irgendwelchen Normierungen gerecht zu werden. Mein Gefühl sagte mir außerdem: Du musst dir keine Sorgen machen. Du hast das Fahrrad bereits, du weißt es nur noch nicht. Der Verstand ist ja bekanntlich ein Idiot, also vertraute ich auf meine inneren Berater*innen und erklärte meiner Mutter, ich würde mich um das Problem kümmern, sobald ich Stadtradelstar wäre – und das war immerhin noch mehr als einen Tag hin.

Sie können wollen, aber wollen Sie auch können?

Am nächsten Abend hatte ich immer noch kein Fahrrad – und immer noch keine Sorge. Wissen Sie: In meinem Leben sind so viele Menschen und Variablen, und mit allen interagiere ich, an allen hinterlasse ich meine Spuren (und vice versa), allen gebe ich etwas und von allen bekomme ich etwas. Aber es sind so viele Menschen und Variablen, dass ich selten genau weiß, was ich bekommen werde und von wem. Es funktioniert aber. Es kommt.

Du bist ja jetzt Stadtradelstar, sagte sie

Diesmal kam es in Form einer jungen Radsportlerin, die ich aus anderen Zusammenhängen bis vor Kurzem nur flüchtig kannte. Und wie das so ist, wenn man sich im Leben zum dritten Mal trifft und schon die ein oder andere Nachricht ausgetauscht hat – schenkte sie mir … ein Fahrrad. Ha! „Du bist ja jetzt Stadtradelstar“, sagte sie, und auf meine ungläubige Nachfrage, ob sie mir das (wirklich schnieke) Teil wirklich schenken wollte, bekannte sie, rund 25 Fahrräder in ihrer Garage stehen zu haben; sie sei Sammlerin und verschenke gerne.

Zum Glück keine Kontrolle

Manche*r würde das nun als göttliche Fügung oder Schicksal interpretieren. Ich respektiere, wenn jemand so denkt. Aber wenn Sie mich fragen, dann ernten Sie ein verschmitztes Lächeln, weil ich mich freue, dass der Radweg meines Lebens zwar selten glatt geteert ist, es aber mein Weg ist – und trotz aller Unwägbarkeiten und karmischen* Zusammenhänge ist es mein Herz, das den Rhythmus zu dieser Reise pumpt, meine Zunge, die die Lieder singt, mein Bauch, der die Tücher fühlt und mein Bein, das die Pedale tritt. Ich will nicht behaupten, irgendeine Art von Kontrolle zu haben – aber ich glaube, dass Menschen Schöpfer sind und jeder Mensch ein großer Faktor ist in der Gleichung seiner Wirklichkeit. Ach. Ich könnte jetzt ausschweifen. Aber wissen Sie was: Fahren Sie lieber ne Runde Fahrrad.

Alles Gute!

Und, ach ja, ich lade Sie ein: Werden und bleiben Sie sich treu, dann wirken Sie zwar vielleicht öfter wie ein*e Trottel*in, aber es wird leichter werden, mit dem Leben zu rollen statt gegen es anzustrampeln.


Sternchen: Karma? Jetzt denken Sie vielleicht, ich sei ein esoterischer Buddhist. Dem ist nicht so. Karma bedeutet „Wirken“ oder „Tat“ – jede Handlung ist Karma. Und karmische Verstrickungen? Damit meine ich die endlosen Wechselwirkungen zwischen den Handlungen, die ja alle Folgen haben und auch Produkte vorangegangener Handlungen sind; geistig wie physisch.

Bild: Kathleen Bergmann / Pixabay

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